Einleitung

Der Konsum von Substanzen oder das intensive Ausführen bestimmter Verhaltensweisen kann unterschiedliche Funktionen im Leben haben.

Für viele Menschen steht zu Beginn der Genuss und das Erleben von Freude, einer spürbaren Lockerheit in Gesellschaft oder eines Moments der Entspannung und Belohnung. Es ist die Erfahrung, dass etwas hilft, freier zu sein, leichter mit anderen ins Gespräch zu kommen oder den Stress des Alltags für eine Weile hinter sich zu lassen.

Mit der Zeit kann sich die Erfahrung jedoch verändern. Was als freiwillige Wahl für mehr Leichtigkeit oder Geselligkeit begann, fühlt sich schließlich eher wie ein inneres Müssen an.

Betroffene beschreiben, dass sich der Alltag schleichend um dieses eine Mittel oder Verhalten herum organisiert. Es entsteht eine spürbare innere Zerrissenheit: Auf der einen Seite steht der Wunsch, die Kontrolle zu behalten, auf der anderen Seite bestimmt das Verlangen den Rythmus des Lebens. Dieses Gefühl, die Steuerung nicht mehr vollends in der Hand zu haben, geht oft mit einem Rückzug von Hobbys oder Bezugspersonen einher und mit der Erfahrung, in dieser Situation zunehmend auf sich allein gestellt zu sein.

Welche Formen von Abhängigkeiten und Suchterkrankungen gibt es nach ICD-11?

Suchterkrankungen zeigen ein vielseitiges Bild und das Diagnosesystem ICD-11 fasst das gesamte Spektrum unter dem Begriff der „Störungen durch Substanzkonsum oder Abhängigkeitsverhalten“ zusammen. Das klinische Erscheinungsbild wird dabei grundlegend in zwei Hauptbereiche unterteilt, deren Übergänge in der Lebensrealität der Betroffenen jedoch häufig fließend sind:

  • Substanzbezogene Abhängigkeiten

    Hier geht es um den Konsum von Stoffen, die direkt im Körper wirken. Dazu gehören Genussmittel wie Alkohol und Nikotin, verschiedene Medikamente (wie Schlaf-, Beruhigungs- oder Schmerzmittel) sowie andere pflanzliche oder synthetische Substanzen (wie Cannabis, Kokain oder chemische Wirkstoffe).

  • Verhaltensbezogene Abhängigkeiten

    Hier steht kein Stoff im Mittelpunkt, sondern ein bestimmtes Tun. Dazu gehören die Glücksspielsucht und die exzessive Computerspielnutzung. Eine immer größere Rolle im Alltag spielt zudem die Smartphone-, Internet- und Social-Media-Sucht (oft als Mediensucht bezeichnet). Wenn das ständige Scrollen, Chatten oder Überprüfen des Bildschirms viele Stunden des Tages einnimmt und das reale Leben verdrängt, wird dies im Erleben der Betroffenen genauso intensiv und einschränkend erfahren wie eine stoffliche Abhängigkeit. Auch ein unkontrollierbares Kauf- oder Sexverhalten fällt in diesen Bereich.

Was sind erste Anzeichen einer Abhängigkeit und wie lauten die Kriterien nach ICD-11?

Der Übergang von einem regelmäßigen Konsum oder einem intensiven Verhalten hin zu einer Abhängigkeit geschieht selten von heute auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess, der oft mit feinen, fast unmerkbaren Veränderungen im Alltag beginnt.

Um diese langsamen Veränderungen erfassen zu können, wird das Erleben einer Abhängigkeit in drei wesentliche Kernbereiche zusammengefasst.

  • Beeinträchtigte Kontrolle über den Konsum

    Hierzu gehört, dass das Einhalten eigener Grenzen nicht mehr wie geplant gelingt. Man nimmt sich fest vor, weniger zu konsumieren oder früher aufzuhören, merkt aber, dass die Steuerung versagt (der Kontrollverlust). Gleichzeitig kann sich ein intensiver, kaum bezähmbarer innerer Drang, das Mittel zu nehmen oder das Verhalten auszuführen zeigen (starkes Verlangen / „Craving“).

  • Zunahme der Priorität des Konsums

    Das Suchtmittel oder Verhalten rückt zeitlich und gedanklich immer weiter in den Vordergrund. Andere Bereiche, die früher wichtig waren oder Freude gemacht haben, verblassen spürbar (Vernachlässigung von Hobbys, sozialen Kontakten und Verpflichtungen). Trotz des Wissens um negative Folgen im Alltag, im Beruf oder in Beziehungen wird der Konsum fortgesetzt (Weiterführen trotz schädlicher Folgen). Fällt die gewohnte Entlastung einmal weg, reagiert die Psyche oft mit spürbarer Unruhe, Nervosität oder Dünnhäutigkeit.

  • Physiologische Merkmale und körperliche Anpassung

    Der Körper reagiert direkt auf das Verhalten oder die Substanz. Einerseits gewöhnt er sich an die Zufuhr, sodass die ursprüngliche Menge nicht mehr ausreicht, um die gewünschte Wirkung oder Entlastung zu erzielen (Toleranzentwicklung). Andererseits rebelliert der Organismus mit spürbarem Unwohlsein, Händezittern, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Schlafstörungen, wenn die Zufuhr gestoppt wird (körperliche Entzugssymptome). Häufig erfolgt der Konsum nur noch funktionell, um diese unangenehmen Begleiterscheinungen zu stoppen.

Medizinisch spricht man meist von einer Abhängigkeit, wenn Merkmale aus mindestens zwei dieser drei Bereiche über einen Zeitraum von einem Jahr (oder in intensiven Phasen durchgehend für mindestens einen Monat) das Leben maßgeblich bestimmen.

Der CAGE-Ansatz

Um abseits von klinischen Diagnosen einen ersten, ehrlichen Blick auf das eigene Verhalten zu werfen, dient der CAGE-Ansatz:

  1. C (Cut down): Haben Sie schon das Gefühl gehabt, dass Sie Ihren Konsum oder das Verhalten reduzieren sollten?

  2. A (Annoyed): Hat es Sie schon einmal geärgert, wenn andere Menschen Ihr Konsumverhalten kritisiert haben?

  3. G (Guilty): Haben Sie sich wegen Ihres Konsums oder Verhaltens schon schuldig oder schlecht gefühlt?

  4. E (Eye-opener): Haben Sie morgens schon als Erstes die Substanz/ das Verhalten gebraucht, um in den Tag zu starten?

Wenn Sie zwei dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet können, kann dies ein wertvoller Hinweis sein, genauer hinzuschauen und sich zu erlauben, professionelle Unterstützung zu suchen.

Wie läuft ein Entzug ab? Die Phasen der Entwöhnung bei Substanz- und Verhaltenssüchten

Sich aus einer Abhängigkeit zu lösen, stellt einen tiefgreifenden persönlichen und herausfordernden Prozess dar. Dieser Weg wird in der klinischen Praxis meist in vier aufeinander aufbauende Phasen unterteilt. Da sich die unterschiedlichen Abhängigkeitsformen in ihrer Natur grundlegend unterscheiden, gestaltet sich dieser Verlauf je nach Suchtmittel oder Verhaltensmuster individuell:

  • Die Kontakt- und Motivationsphase
    Diese erste Phase findet im gewohnten Alltag statt. Sie beginnt mit dem Eingeständnis vor sich selbst, dass der Konsum oder das Verhalten psychosoziale Probleme verursacht. Im Vordergrund stehen der Abbau von Schamgefühlen, die psychische Vorbereitung auf den Verzicht sowie der Aufbau einer stabilen Motivation, sich dauerhaft aus der Abhängigkeit zu lösen.

  • Die Entgiftungs- und Akutphase
    In diesem Stadium unterscheidet sich das Vorgehen maßgeblich nach der Art der vorliegenden Störung:

    • Bei Alkohol und Medikamenten: Da das abrupte Absetzen bestimmter Substanzen potenziell lebensgefährliche körperliche Reaktionen (wie ein Entzugsdelir) auslösen kann, erfolgt die medizinische Entgiftung in der Regel stationär in einer Fachklinik unter ärztlicher und medikamentöser Aufsicht.

    • Bei Cannabis und anderen Substanzen: Hier steht meist nicht die akute körperliche Gefährdung im Vordergrund, sondern das Bewältigen intensiver psychischer Symptome wie ausgeprägter Unruhe, Schlafstörungen oder eines starken Konsumdrangs. Je nach Schweregrad kann dieser Schritt ambulant mit therapeutischer Begleitung oder stationär vollzogen werden.

    • Bei Verhaltenssüchten (z. B. Smartphone- oder Medienabhängigkeit): Da digitale Medien im modernen Lebenskontext selten lebenslang vollständig gemieden werden können, zielt diese Phase auf eine zeitlich begrenzte, strukturierte Abstinenz unter therapeutischer Anleitung. Das Ziel besteht darin, das neurobiologische Belohnungssystem zu regulieren und automatisierte Verhaltensmuster zu durchbrechen.

  • Die Entwöhnungsphase und emotionale Aufarbeitung
    Nach dem Überwinden der akuten Verzichtssymptomatik beginnt die therapeutische Kernarbeit, die entweder ambulant oder im Rahmen einer stationären Rehabilitation stattfindet. Der Fokus verschiebt sich hierbei vom Suchtmittel selbst hin zu den tieferliegenden Ursachen. Es wird ergründet, welche psychische Funktion der Konsum oder das Verhalten im individuellen Lebenssystem erfüllte, beispielsweise als Bewältigungsmechanismus bei Stress, zur Erleichterung sozialer Interaktionen oder zur Kompensation von Einsamkeit. Auf dieser Basis werden gesunde Verhaltensalternativen erarbeitet.

  • Die Nachsorgephase und Festigung
    Die langfristige Stabilität entscheidet sich bei der Rückkehr in den alltäglichen Lebensraum. Die Nachsorge dient dazu, die neu erlernten Gewohnheiten dauerhaft zu verankern und das Rückfallrisiko zu minimieren. Ein wesentlicher Bestandteil ist hierbei die Neuordnung der Lebens- und Freizeitgestaltung sowie die Anbindung an Selbsthilfegruppen, die Betroffenen einen geschützten und stabilisierenden Resonanzraum bieten.

Anzeichen und Bedeutung von Co-Abhängigkeit bei Suchterkrankungen

Eine Suchterkrankung betrifft selten nur die konsumierende Person. Sie beeinflusst das gesamte Beziehungsgefüge, insbesondere Partnerinnen und Partner, Eltern, Geschwister oder enge Bezugspersonen. Aus tiefer Zuneigung, Sorge und dem Wunsch zu helfen, können Angehörige im Laufe der Zeit Verhaltensweisen entwickeln, die unbemerkt zu einer eigenen, schweren Belastung werden. Dieses Phänomen wird als Co-Abhängigkeit bezeichnet. Dabei koppelt sich das eigene Wohlbefinden schleichend an den Zustand des suchtkranken Menschen. Das Leben und Erleben wird vermehrt nach den Verhaltensweisen der betroffenen Person ausgerichtet.

Das kann sich durch folgende Erfahrungen zeigen:

  • Verantwortungsübernahme

    Man beginnt, die unmittelbaren Folgen des Konsums für den anderen abzufedern. Das kann das Entschuldigen beim Arbeitgeber sein, das Erfinden von Ausreden gegenüber Dritten oder das Ausgleichen von finanziellen Engpässen, die durch die Sucht entstehen.

  • Gedankliche Einengung und Kontrolle

    Die eigenen Gedanken kreisen um die andere Person. Es werden Verstecke kontrolliert, Kontostände überprüft, die Stimmung beim Nachhausekommen gedeutet oder es wird versucht, Situationen so zu steuern, dass kein Konsum stattfindet.

  • Vernachlässigung eigener Bedürfnisse

    Die eigenen Wünsche, Hobbys, Ruhephasen oder die eigene gesundheitliche Fürsorge werden hintenangestellt. Das tägliche Leben organisiert sich fast ausschließlich um die Frage, wie der Tag des anderen verläuft und wie Krisen verhindert werden können.

  • Schuld- und Schamgefühle

    Es kann der Glaube entstehen, man trage selbst eine Mitverantwortung für das Verhalten des Gegenübers oder sei nicht in der Lage, die Situation positiv zu beeinflussen. Dies führt häufig zu Schuldgefühlen und einem schleichenden Rückzug aus dem sozialen Umfeld, um die betroffene Person zu schützen und die Situation zu verheimlichen.

Handlungsmöglichkeiten von Angehörigen bei Suchtkranken in Partnerschaft und Familie

Im Allgemeinen ist die wirksamste Hilfe für den suchtkranken Menschen paradoxerweise, die unbewusste Unterstützung der Sucht einzustellen. Da eine Heilung oder Veränderung niemals gegen den Willen oder ohne die aktive Bereitschaft der betroffenen Person erzwungen werden kann, verändert sich die Form der Hilfe:

  • Keine Konsequenzen abnehmen

    Dem suchtkranken Partner oder Familienmitglied sollten die natürlichen Folgen des Konsums oder Verhaltens nicht mehr abgenommen werden. Das bedeutet beispielsweise, keine Entschuldigungen mehr zu schreiben oder die durch den Konsum vernachlässigten Aufgaben im Haushalt nicht stillschweigend zu übernehmen. Finanzielle Unterstützung in Form von Bargeld oder das Übernehmen von suchtbezogenen Schulden sollten konsequent verweigert werden, da dies den Konsum oft unbewusst verlängert. Sinnvoller ist es, falls nötig, ausschließlich konkrete Sachleistungen (wie Lebensmittel) direkt zu bezahlen.

  • Selbstbestimmung stärken

    Es hilft, in Ich-Botschaften zu formulieren, welche Verhaltensweisen man für sich selbst nicht mehr toleriert. Diese Grenzen müssen konsequent und verlässlich eingehalten werden.

  • Gespräche in stabilen Momenten führen

    Konfrontationen oder Vorwürfe im Moment des akuten Konsums oder Rausches führen selten zu Einsicht. Hilfreicher sind ruhige, sachliche Gespräche in nüchternen Momenten, in denen die eigenen Sorgen und Beobachtungen geteilt werden.

  • Selbstfürsorge pflegen

    Die wichtigste Aufgabe für Angehörige ist es, für die eigene psychische und körperliche Gesundheit zu sorgen. Sich selbst professionelle Unterstützung zu suchen oder sich Abgrenzung zu erlauben, ist kein Verrat am anderen, sondern die Voraussetzung, um selbst stabil zu bleiben.

Welche Funktion hat Sucht und Abhängigkeit in Beziehungen und Familien?

Aus der Perspektive der Systemischen Therapie werden Symptome, die einer Person zugeschrieben werden können, als Teil eines Wechselspiels innerhalb von Beziehungen verstanden. Das Thema Sucht in Beziehungen kann eine spezifische, kreisförmige Eigendynamik zeigen. Es entsteht ein Teufelskreis, der durch zwei suchtspezifische Besonderheiten geprägt ist:

1. Das Kontroll-Paradoxon

Die Besonderheit bei einer Suchterkrankung ist das Thema Kontrolle. Wenn die betroffene Person die Steuerung über den Konsum oder das Verhalten verliert, übernehmen die Angehörigen unbewusst die Aufsicht. Daraus entwickelt sich eine wiederkehrende Schleife:

  • Aus Sorge wird kontrolliert, gemahnt, nach Verstecken gesucht oder Fehler im Außen ausgeglichen, um den Alltag abzusichern (Stellvertreterkontrolle).

  • Für die suchtkranke Person fühlt sich diese permanente Überwachung jedoch wie ein massiver Druck, eine Bevormundung oder ein zusätzlicher Kontrollverlust an.

  • Um dem Druck, der Scham oder den damit verbundenen Schuldgefühlen zu entkommen, reagiert die betroffene Person oft mit heimlichem Konsum oder Trotz.

  • Das wiederum bestätigt das Umfeld darin, noch enger und misstrauischer zu kontrollieren.

Damit stabilisiert die Kontrolle der Angehörigen paradoxerweise genau das Verhalten, das sie eigentlich verhindern will. Die gut gemeinte Lösung wird unbemerkt zu einem Teil des Problems.

2. Der „Dritte im Bund“

Bei vielen Konflikten dreht sich die Auseinandersetzung direkt um die Beteiligten selbst. Bei einer Sucht hingegen tritt ein unsichtbarer Dritter in die Beziehung ein: das Suchtmittel oder das Suchtverhalten.

  • Das Mittel als Puffer

    Wenn zwischen Partnern Spannungen, unausgesprochene Erwartungen oder Ängste herrschen, dient das Suchtmittel als Isolationsschicht. Konflikte über die eigentliche Beziehung werden nicht ausgetragen, sondern durch den Konsum oder den Streit über den Konsum ersetzt.

  • Die Organisation um das Symptom

    Das gesamte Leben des Paares oder der Familie organisiert sich um die Sucht herum (Verheimlichen vor dem Umfeld, Absprachen im Alltag, Krisenmanagement). Das schweißt das System auf eine leidvolle, aber intensive Weise zusammen. Die Sucht wird zum Bindeglied, das andere Fragen der gemeinsamen Zukunft überlagert.

Vom Kontrollverlust im Verlangen zu neuen Beziehungswegen

Wenn intensiver Konsum mit seinen Auswirkungen die Beziehung zu sich selbst und anderen zunehmend bestimmt, kann eine professionelle Begleitung helfen, innezuhalten und neue Perspektiven zu gewinnen.

Die Praxis für Systemische Therapie und Systemische Beratung in München (Innenstadt/Maxvorstadt) bietet Betroffenen, Paaren und Familien einen fachlich fundierten Rahmen. Hier werden die Mechanismen von Abhängigkeit und deren Auswirkungen auf Angehörige betrachtet, um festgefahrene Kreisläufe behutsam aufzulösen und neue, gewünschte Handlungspfade für den Alltag zu entwickeln.

Adresse

Sophienstraße 5
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